Umwege

Umwege

Eine Serie in Mischtechnik auf Papier. Konzipiert und umgesetzt für eine Ausstellung in der Zülow Gruppe.

Alle Bilder in Tusche, Acryl, Ölpastellkreiden auf Papier. 
Format: 42 x 59,4 cm

Die Serie „Umwege“ arbeitet mit Farbe, Form und emotionaler Verdichtung. Im Zentrum steht ein kräftiger Strich, der nicht kaschiert, sondern bewusst sichtbar bleibt und den Bildraum strukturiert.

Die Qualität der Arbeiten zeigt sich in der Balance zwischen Spontaneität und Komposition, zwischen roher Geste und bewusster Setzung. Es sind keine Illustrationen einer Idee, sondern eigenständige Bildräume.

Die Bilder verdichten Erfahrung zu einer Form, die unmittelbare Wahrnehmung anspricht und individuelle Assoziationen hervorruft. Arbeiten, die nicht erklären, sondern behaupten – getragen von einem Strich, der sich nicht zurücknimmt, sondern sichtbar bleibt.
Emilia Pleschko (Kunstwissenschaftlerin in Ausbildung)

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Zur Serie „Umwege"


Die 2023 entstandene Serie umfasst 32 Arbeiten in Mischtechnik auf Papier (42 × 59,4 cm), ausgeführt in Tusche, Acryl und Ölpastellkreide. Alle Werke tragen englische Titel, die weniger beschreibend als atmosphärisch zu verstehen sind — sie benennen Zustände, Vorgänge, Schwellen. Der Umweg als konzeptuelles Prinzip schlägt sich formal nieder: Die Kompositionen verweigern klare Hierarchien, kein Bildteil dominiert unangefochten, jede Richtung kann sich wenden.
Erkennbar ist die Auseinandersetzung mit photographischen Vorlagen — Stadträumen, Industriearealen, Brücken, Gebäudestrukturen —, die aber nicht abgebildet, sondern als Impulse genutzt werden. Was bleibt, ist ein Energiefeld aus überlagerten Linien, lasierenden und deckenden Farbschichten, in dem das Ursprungsmotiv als Echo fortbesteht.


Assumption (Bild 1) zeigt eine Konstruktion, deren Diagonalen den Bildraum aufspannen. Die Palette — Rot, Türkis, Ockergelb auf hellem Grund — erzeugt einen Eindruck atmosphärischer Aufladung, als liege das Bauwerk in einem Moment kurz vor oder nach einem Ereignis.

Changeover (Bild 2) ist das dunkelste und energetisch dichteste der Serie. Tiefe Rot- und Brauntöne dominieren, durchbrochen von Türkis und Gelb. Industrielle Strukturen —Brückenkonstruktion — sind zu ahnen, ohne dass ein konkretes Motiv festgelegt wäre. Das Bild erinnert an Szenen des Umbruchs, an Abbruch und Aufbau gleichzeitig; der Titel bestätigt diese Lesart.

Citylights (Bild 3) nimmt das Nachtbild der Stadt auf. Gelb und Rosa überlagern ein schwarzes Strukturgitter, das an Straßenzüge oder Schienenverläufe erinnert. Der Bildraum ist in mehrere schräge Ebenen gegliedert, was den Eindruck von Bewegung und Geschwindigkeit erzeugt — ein urbanes Panorama, das an die kinetische Qualität früher Futuristen denken lässt, ohne deren Ideologie zu teilen.

Collision (Bild 4) verdichtet die Energie der Serie in einem rein gestischen Bild. Rosa, Schwarz und Grün prallen aufeinander, eine kreisförmige Bewegung im oberen Bildteil wirkt wie ein Vortex, der alle anderen Linien in sich hineinzieht. Gegenständliche Referenzen treten hier weitgehend zurück; das Werk steht dem Informel am nächsten.

Conceivable (Bild 5) ist das einzige Werk der ersten Gruppe mit einem klar erkennbaren Tiermotiv: Ein Stier oder Rind — mit Hörnern und nach vorne gesenktem Kopf — tritt aus einem aufgewühlten Grau-Blau hervor. Die Assoziation zur spanischen und österreichischen Bildtradition des Tierporträts liegt nahe, wird aber durch die expressive Überarbeitung gebrochen. Vorstellbar ist auch eine Anspielung auf den mythologischen Stier — Kraft und Bedrohlichkeit in einem.

Descent (Bild 6) zeigt ein Gerüst- oder Treppenwerk, das in die Tiefe zu führen scheint. Die Diagonalen fallen von oben links nach unten rechts, gestützt von kräftigen Schwarz-Konturen. Grün taucht als Farbakzent auf, der den industriellen Charakter des Bildraums aufbricht. Das Motiv erinnert an photografierte Feuertreppen amerikanischer Städte oder an Industriearchitektur des frühen 20. Jahrhunderts.

Destination (Bild 7) ist das dunkelste, fast monochrome Werk der Serie — ein Nachtstück. Aus tiefem Schwarz leuchten kalte und warme Farbsplitter: Grün, Blau, Rot, Pink, Weiß. Die Komposition hat etwas Gestirnartes; die wenigen Linien, die eine Bodenebene andeuten, geben dem Ganzen erst Richtung. Die Farbigkeit erinnert an nächtliche Stadttopographien aus der Vogelperspektive.

Destination II (Bild 8) variiert das Motiv in Lila und Gelb. Eine horizontale Mittelzone trennt die Komposition: oben atmosphärisches Kolorit in Violett, unten eine ausgeprägte Bodentextur. Bogenförmige Linien und angedeutete Fahrzeugformen legen eine Straßenszene nahe — einen Knotenpunkt, eine Einfahrt, ein Ziel, das noch aussteht.

Junction (Bild 9) zeigt eine klare Bildmitte: ein rundes, gewölbtes Objekt — eine Kuppel — umgeben von architektonischen Fragmenten. Die Farbpalette wechselt zu Türkis, Hellgrau und Zinnober. Das Bild hat etwas Panoramatisches, als schaue man von erhöhter Position auf einen Platz oder Verkehrsknotenpunkt.

Perception (Bild 10) ist eine der abstraktesten Arbeiten der Gruppe. Auf schwarzem Grund entfalten sich zwei Farbzonen: ein pinkviolettes, vertikal strukturiertes Feld links und ein intensives Blau rechts unten. Dazwischen eine schwarze, organisch wirkende Form — möglicherweise eine Figur, möglicherweise ein Schatten. Der Titel lädt zur Selbstreflexion ein: Was nehmen wir wahr, was projizieren wir?

Withdrawal (Bild 11) zeigt eine stehende Figur in der Bildmitte — in Rot-Pink gehalten, frontal und zugleich im Rückzug begriffen. Grün und Blau strukturieren den Hintergrund, schwarze Linien durchkreuzen die Komposition. Die Figur wirkt gefangen zwischen Energien, der Titel benennt die Bewegung nach innen oder zurück.

Question (Bild 12) ist das komplexeste Werk der ersten Gruppe. Ein kreisförmiges Zentrum dominiert — Türkis und Schwarz in konzentrischen Drehungen — darunter eine Arkadenstruktur, die an gotische oder romanische Architektur erinnert. Die Kombination aus der rotierenden Kreisform und der gebauten Horizontale darunter schafft eine merkwürdige Spannung zwischen Bewegung und Statik, Frage und Form.

Lightness (Bild 13) nimmt als einziges Werk der Serie helles Grau als Grundton. Eine zentrale Figur — aufgerichtet, mit erhobenen Armen, angedeutetes Gesicht — steht im Freien. Magenta-Farbflecken, Gelb und Grün strukturieren den Hintergrund ohne ihn zu beschweren. Der Titel ist programmatisch: Hier wird nicht gedrückt, sondern befreit.

Interrogation (Bild 14) kehrt zum dichten, dunklen Bildraum zurück. Grün, Magenta und Schwarz überlagern sich in einer Textur aus Strichen und Wischspuren. Im oberen Drittel eine Bogenstruktur, die an ein Portal oder einen Durchgang erinnert. Das Bild stellt keine Fragen im illustrativen Sinne — es verkörpert die Geste des Hinterfragens durch seine Unabgeschlossenheit.

Intrusion (Bild 15) zeigt einen Raum — Pfähle, Balken, ein Dach —, der von außen betreten oder durchbrochen wird. Grün und Blau dringen von links ins Bild, das Interieur in Braun- und Rottönen weicht zurück. Es ist eines der Werke der Serie mit klar lesbarer Raumtiefe.

Notion (Bild 16) ist ein atmosphärisches Kammerstück. Rosa, Türkis und Schwarz beschreiben einen Gewölberaum oder eine Tunnelperspektive mit Tiefenwirkung. Die Farbstimmung ist nachtblau-magentafarben, das Licht kommt von innen, nicht von außen. Dem Bild liegt wohl eine photografische Vorlage eines Kircheninnenraums oder Bahnhofstunnels zugrunde.

Memories (Bild 17) zeigt Strukturen aus kräftigem Magenta und Schwarz auf dunklem Grund — ein rautenförmiges Konstrukt im Zentrum, das an Dachstuhlgeometrie oder Eisenbahnbrücken erinnert. Die Vertikalen unten deuten Stützen an, oben löst sich die Form in diagonale Striche auf. Das Gedächtnis als Struktur, die sich beim Erinnern verändert.

Manufaktur (Bild 18) ist die farbenfreudigste Arbeit dieser Gruppe. Auf Pink und Türkis ist eine schematische Gesichtsandeutung gesetzt — ein rundes Auge, eine horizontale Linie als Mund. Die expressionistische Direktheit des Bildes bricht die industrielle Titelreferenz auf: Manufaktur als menschlicher Vorgang, nicht als maschineller.

Pleasure (Bild 19) beschließt die erste Hälfte der Serie mit einem senkrecht strukturierten Bild. Hellgraue und gelbe Vertikalen erzeugen den Eindruck einer Kollonade oder eines Waldes aus Licht. Die Horizontale trennt eine dunklere untere Zone ab. Das Bild hat Ruhe — nach den vorherigen, dichteren Arbeiten wirkt es wie ein Innehalten.

Prospect (Bild 20) öffnet die zweite Hälfte der Serie mit dem luftigsten, weiträumigsten Bild. Heller Grund, eine großzügige Stadtansicht in Blau, Rot und Gelb — Bahnhofsgebäude, Masten, Gleise, angedeutet durch eine ungewöhnlich klare Perspektivlinie, die von vorne links in die Tiefe führt. Das Bild erinnert an Straßen- oder Bahnhofsarchitektur der Gründerzeit, gesehen durch den Filter der gestischen Malerei. Von allen Werken der Serie hat dieses die stärkste räumliche Tiefenwirkung.

Resemblance (Bild 21) ist das porträtartigste Werk der Serie. Auf tiefem Schwarz erscheint ein Gesicht oder eine Figur in der Diagonale — Magenta, Grau, Blau, Gelb und Rot überlagern sich zu einem Bildnis, das gleichzeitig ein Antlitz und eine rein malerische Struktur ist. Die Verwandtschaft zum deutschen Expressionismus — zu Kirchner oder Heckel, aber auch zu späten Bacon-Köpfen — ist erkennbar, ohne dass eine direkte Abhängigkeit bestünde.

Explication (Bild 22) kehrt zum Stadtmotiv zurück, jetzt in sattem Orange-Rot und Gelb. Zwei oder drei dunkle Figurensilhouetten stehen im Bildraum, von einer Kolossalarchitektur flankiert. Die Farbstimmung erinnert an Feuer oder Abenddämmerung über einem Industrieraum. Die Titel-Implikation — eine Erklärung, eine Auslegung — bleibt offen: Das Bild erklärt nichts, es behauptet.

Facts (Bild 23) ist das reduzierteste, fast monochrome Werk dieser Gruppe. Auf dunklem Grund ein rechteckiges, hell aufleuchtendes Feld — eine Türöffnung, ein Durchgang, ein erleuchtetes Fenster —, das von geschwungenen und geraden Linien flankiert wird. Die Komposition hat etwas Theatralisches: das Licht als Faktum inmitten von Dunkelheit. Der knappe Titel unterbricht die atmosphärischen Werkbezeichnungen der Serie mit einer sachlichen Setzung.

Notion II (Bild 24, datiert 2024) zeigt ein Porträt in expressiver Auflösung — ein nach vorne geneigter Kopf in Gelb, Schwarz, Weiß und Orange, der Blick gesenkt oder abgewandt. Die freie Papierzone am Rand lässt das Bild ungerahmt wirken, fast wie eine Skizze, die über sich selbst hinausdenkt. Das Datum 2024 verweist darauf, dass die Serie über ihr ursprüngliches Entstehungsjahr hinaus weitergeführt wurde.

Hope (Bild 25, datiert 2023) zeigt eine Figur auf weißem Grund — klar lesbar als sitzende oder kauernde Gestalt in Rot und Schwarz, mit angedeutetem Helm oder Kopfbedeckung. Das Bild verzichtet auf jede Hintergrundgestaltung; die Figur steht frei wie in einer Zeichnung. Die Reduktion ist programmatisch: Hoffnung als nackter Zustand, ohne Ornament. Stilistisch steht dieses Werk den frühen figurativen Arbeiten der Serie am nächsten und verweist auf Mitters Tuschezeichnungen.

Proposition (Bild 26) zeigt ein hoch aufragendes Strukturgebilde auf dunklem Grund — möglicherweise ein Fahrzeug, ein Schiff oder eine Maschine, die von vertikalen, flammenartigen Strichen bekrönt wird. Die Farbigkeit in Braun, Beige, Blau und Rot gibt dem Bild eine merkwürdige Schwere und Gravitation. Das Bild hat etwas Altarartiges in seinem Aufbau.

Kindness (Bild 27) ist das inhaltlich überraschendste Werk der zweiten Hälfte. Drei aufgerollte Objekte — eindeutig Schriftrollen oder gerollte Teppiche — liegen übereinandergestapelt auf dunklem Grund. Die Rollen leuchten in Rot, Gelb und Pink, ihre spiralförmig aufgewickelten Enden sind sorgfältig herausgearbeitet. Das Bild bricht mit dem architektonisch-urbanen Bildprogramm der Serie und stellt ein stilles Stillleben dagegen. Der Titel — Freundlichkeit — passt zu dieser Geste des Innehaltens.

She Knows Best (Bild 28) zeigt eine Figur oder ein Tier — möglicherweise ein Pferd — in einer Komposition aus Grün, Pink und Grau. Der Bildraum ist dicht, Baum- und Waldstrukturen überlagern eine zentrale Pyramidenform, die sich als Kopf oder Körper lesen lässt. Die Signatur R.E.M. 23 bestätigt das Entstehungsjahr. Titel und Bild spannen einen irritierenden Raum auf: Wer weiß was besser, und woher?

Lakeside II (Bild 29) zeigt eine Figur in gelber Umgebung — sitzend, vielleicht auf einer Bank oder einem Felsen, von grünen und grauen Strukturen umgeben. Die Seeufer-Assoziation des Titels ist im Bild kaum direkt ablesbar, schwingt aber in der Farbigkeit mit: Das Gelb könnte Sonnenlicht sein, das Grün Vegetation, das helle Zentrum Wasser oder Himmel. Es ist eines der wenigen Werke der Serie mit einem erkennbar kontemplativen Grundton.

Lakeside (Bild 30) variiert das Motiv in einer dunkleren, horizontal betonten Komposition. Eine breite blaue Zone — deutlich Wasser — trennt die Bildmitte, darüber eine Gebäude- oder Brückenstruktur in Grau und Lila, darunter ein rosafarbener Vordergrund. Das Bild hat Stimmungscharakter: ein Moment am Wasser, nicht malerisch idyllisch, aber atmosphärisch präzise.

Gravity (Bild 31) zeigt einen Kopf im Profil — in kühlem Grau auf einem aufgewühlten Fond aus Orange, Pink, Blau und Grün. Kleine, tickartige schwarze Striche überziehen die Komposition gleichmäßig und verleihen ihr Textur und Vibrieren. Der Gesichtsumriss ist klar, fast skulptural. Der Titel benennt eine physikalische und emotionale Kategorie zugleich — Schwerkraft als Zustand der Gebundenheit.

Discovery (Bild 32) zeigt eine Waldszene oder ein belaubtes Interieur: Stämme, Licht, ein rechteckiger Gebäudekörper dahinter. Grün, Blau, Pink und Schwarz bauen eine vibrierende Textur, in der das Architektonische vom Vegetativen überwuchert wird. Das Werk setzt den naturräumlichen Gegenpol zu den urbanen und industriellen Motiven der frühen Serie.

Distanz (Bild 33) ist das einzige Werk mit deutschem Titel — und damit das einzige, das sprachlich aus der englischen Titelreihe ausbricht. Die querformatige Komposition (erkennbar am breiteren Bildformat) zeigt eine Seenlandschaft: oben Ocker und Grün, unten ein breites Blaufeld, dazwischen eine strukturierte Zone mit Brücke oder Steg. Die Distanz ist ins Bild eingebaut: Ufer und Betrachter bleiben durch das Wasser getrennt.

Exit27 (Bild 34) beschließt die Serie mit einem Porträt im Querformat — ein Gesicht im Profil, in Grau auf hellem Papier, umgeben von einer Explosion kleiner, richtungsloser Striche in Grün, Blau, Rot und Pink. Die kalligrafische Qualität des Gesichtsumrisses erinnert an Mitters Tuschearbeiten. Der Titel ist rätselhaft konkret: eine Ausfahrtsnummer, ein Ausgang, ein Ende. Als Abschluss einer Serie, die mit Umwegen begann, ist das folgerichtig.

Emilia Pleschko (Kunstwissenschaftlerin in Ausbildung)