Facetten

Facetten 1987 - meine Illustrationen für das literarische Jahrbuch der Stadt Linz.

1986 bekam ich den Auftrag bzw. die Gelegenheit die nächste Ausgabe der Facetten zu illustrieren. In den Jahren davor wurden irgendwelche Werke von meistens Linzer oder oberösterreichischen Künstlern verwendet. Diese Bilder hatten keinerlei Bezug zum Inhalt der Facetten und, da das Buch nur einfärbig Schwarz gedruckt wurde - nur der Einband war farbig - waren sie immer stark verkleinert, grob gerastert und ihrer Farbigkeit beraubt. Also für beide Seiten - die Literatur und die Bilder - eine wirklich erbärmliche Kooperation.

Darum habe ich ein ganzes Jahr die Auswahl der Texte begleitet, sie gelesen und dazu meine Zeichnungen mit Tusche und Spitzfeder geschaffen. Im Format 1 zu 1, damit keine Größenänderung nötig war und die originale Strichstärke und Textur sichtbar wurde. Die Tuschezeichnung in reinem Schwarz konnte zudem ohne Rasterung gedruckt werden. Zwei der Illustrationen waren doppelseitig. Auch das habe ich durch einen entsprechenden Abstand im Mittelfalz berücksichtigt.

Leider hat das der Reprograf der Druckerei damals schlichtweg nicht verstanden und die Filme (Repros) der beiden betroffenen Illustrationen auseinandergeschnitten und beide Teile auf unterschiedlichen Seiten eingebaut. Das hat wieder einmal bewiesen, dass trotz guter Vorbereitung die menschliche Dummheit überraschende Lösungen hervorbringt.


Hier der Text von Dr. Peter Kraft über meine Arbeit als Illustrator (aus den Facetten 1987).

Der Illustrator und Buchgestalter Rudolf E. Mitter


Das „Literarische Jahrbuch der Stadt Linz“, bekannt seit Jahren unter dem Titel „Facetten“, erscheint 1987 in neugestalteter Aufmachung. Das Layout des Bandes wurde dem jungen Linzer Graphiker Rudolf E. Mitter anvertraut, der zugleich auch als Illustrator mit einer Serie von Federzeichnungen die Anthologie ausgestattet hat. Besonderheit der Gestaltung: Die einzelnen Motive wurden genau auf Buchseiten-Format konzipiert.
Rudolf E. Mitter ist gebürtiger Linzer, studiert derzeit an der hiesigen Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung, wobei er sich vor allem auf die Handzeichnung sowie auf Buch-, Prospekt- und Werbegestaltung konzentriert. Auch im Bereich druckgraphischer Techniken eignete sich Mitter bisher überdurchschnittliche Kenntnisse und praktische Erfahrungen an. Als graphischer Gestalter ist er übrigens auch schon im Rahmen von Veranstaltungen der „ars electronica" und des Posthofes in Linz hervorgetreten.
Die Eigenart der diesjährigen „Facetten“-Illustrationen beruht zum Teil darauf, daß Mitter die Auswahl und Produktion dieses jüngsten Literarischen Jahrbuches vom frühesten Entstehungszeitpunkt an miterleben und gestalterisch umsetzen konnte. Mitter hat so die Jury bei ihrer Arbeit kennengelernt, er besuchte mehrere Lesungen, die in der Reihe des „Facetten-Podiums" im Kremsmünsterer Stiftshaus der einheimischen Autorenschaft gaben, sich – mitunter erstmals – dem Linzer Publikum zu präsentieren.
Derartige Kontakte und Begegnungen lösten eine originelle Art der Auseinandersetzung aus. Der Zeichner reflektierte das Gesehene und Erlebte. Es stiegen Assoziationen in ihm auf, die Ironie und Kritik am Literaturbetrieb mitunter nicht aussparen.
Ganz konkret finden sich in dieser Bildserie jedoch Anspielungen auf den im Buch mit einem Beitrag vertretenen „1. Linzer Geschichtenschreiber“ Peter Krobath, der im Kremsmünsterer Stiftshaus auf ein knappes Jahr eine kleine Wohnung von der städtischen Linzer Veranstaltungsgesellschaft (LIVA) zugewiesen erhielt und der erste literarische Gast der Stadt Linz im Rahmen einer künftig fortbestehenden kulturellen Einrichtung war.
Gleichfalls spiegeln sich in Mitters Federzeichnungen gewisse Hinweise, die zur konkreten und experimentellen Dichtung beziehungsweise überhaupt zu einem kritisch hinterfragenden Sprachdenken weiterleiten. Schriftproben beziehungsweise in die Bilder eingebaute Textfragmente von gesucht schwerer Lesbarkeit ziehen sich, dem Zeichner wohl bewußt, quer durch die Illustrationsserie. Der Zeichner stellt sich ohne Vorurteil und mit einem gesunden Maß an Skepsis dem schreibenden und sprechenden oder Sprache reproduzierenden Menschen. Er erlebt Literatur, Literaten und Literaturbetrieb auch als damit zusammenhängende Frustration.
Genau dies bedeutet sein von Schreibfedern aufgespießter Leser, ein heiliger Sebastian unter dem Pfeilhagel aggressiver Autorenschaft; daran erinnern seine belächelns- wie beweinerswerten Autoren, die von ihm festgehaltenen Kritiker und Trivialschreiber beziehungsweise -leser. Ein ganzes tintenklecksende und Schreibmaschinentypen aufwirbelndes Saeculum tritt an zur Selbstfindung der gerade ihm verordneten Selbsterkenntnis. „Wer ohne Worte ist, der werfe den ersten Satz", sagt fast evangelisch ein Mann im Kostüm eines Kirchenfürsten.
Damit Literatur entsteht, muß manches andere im Menschenleben absterben. Das Bild des Autors, dessen Unterleib sich in die Vierbeinigkeit eines Literatensessels verwandelt hat, zeigt das besonders kraß an.
Und Mitters ironisches Bekenntnis zum „Überhaupt-nicht-Lesen und lieber Badengehn“, das er einer üppigen Frauenfigur auf einem seiner Blätter mit auf den Weg gibt, wird melancholisch kontrastiert von einem Zitat aus Aldous Huxleys „Doors of Perception“: „Aber leider gehörte ich einer Welt an, aus der mich das Mescalin befreit hatte – der Welt der Selbstheiten und der Zeit der Nützlichkeitserwägungen, und es war diese Seite des menschlichen Lebens (die ich vor allem zu vergessen wünschte), der Selbstbehauptung, der kecken Selbstsicherheit, der überbewerteten Wörter und der vergötzten Begriffe.“
Rudolf E. Mitter könnte – und nicht erst mit dieser Illustrationsserie in den „Facetten '87“ – bereits auf dem Weg sein zum originellen Illustrator noch vieler herausfordernder Werke der ihm zugänglichen Gegenwartsliteratur. Eine kontinuierliche Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten ist ihm jedenfalls zu wünschen.
Dr. Peter Kraft

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